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20200723 CaritasWerkstattenAuf dem Weg zurück zur Normalität
WESTERWALDKREIS/RHEIN-LAHN-KREIS. „Ich bin froh, dass ich endlich wieder arbeiten darf“, sagt Christoph Schneider sichtlich glücklich und widmet sich sofort wieder den kleinen Kartons, die vor ihm auf dem Tisch stehen. Gekonnt verpackt er Zapfhahnzähler und versieht jeden einzelnen mit einem Etikett. Schneider ist Beschäftigter in den Caritas-Werkstätten Westerwald-Rhein-Lahn und eigentlich am Standort in Montabaur tätig. Aktuell allerdings arbeitet er quasi im „Homeoffice“. Christoph Schneider lebt im Haus St. Marien, dem Caritas-Wohnheim für Menschen mit Behinderung in Höhr-Grenzhausen. Dort hat er im Moment auch seinen Arbeitsplatz - in einer extra eingerichteten Außen-Arbeitsgruppe der Caritas-Werkstätten. Den Bewohnern der Einrichtung, die sonst in den Werkstätten in Montabaur und Nauort tätig sind, wird so weiterhin die Teilhabe am Arbeitsleben ermöglicht.

Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. In Zeiten der Corona-Pandemie gilt dies auch für die Caritas-Werkstätten Westerwald-Rhein-Lahn. Die Außen-Arbeitsgruppe im Haus St. Marien ist nur eine von zahlreichen Maßnahmen, die getroffen wurden, um zumindest wieder eine gewisse Normalität in den Werkstätten-Alltag zu bekommen. Trotz Auflagen und Einschränkungen, die die Corona-Krise mit sich bringt. Auch wenn noch nicht wieder alle rund 640 Werkstatt-Beschäftigten im Einsatz sind, so zeigen sich die Verantwortlichen doch zufrieden mit dem bisherigen Verlauf: „Derzeit sind wir bereits wieder bei einer Auslastung von rund 80 Prozent“, betont Armin Gutwald, Geschäftsführer der Caritas-Werkstätten Westerwald-Rhein-Lahn.
Im März sah dies noch ganz anderes aus. Mit Beginn des bundesweiten Lockdowns untersagte die Corona-Bekämpfungsverordnung des Landes Rheinland-Pfalz, „die Beschäftigung und Betreuung von Menschen mit Behinderung in Werkstätten“. Sämtliche Einrichtungen im Land mussten schließen, auch die des Caritasverbandes Westerwald-Rhein-Lahn. Da aber die Produktion weiterlaufen und Aufträge erledigt werden mussten, übernahmen die Mitarbeitenden der Werkstätten die Aufgaben, die sonst von den Beschäftigten gemeistert werden. Dies galt nicht nur für die eigentlichen Werkstätten an den einzelnen Standorten, sondern auch für andere Bereiche wie den CAP-Lebensmittelmarkt in Hundsangen oder die Gärtnerei in Niederelbert, wo sonst ebenfalls Menschen mit Behinderung tätig sind. „Trotz der besonderen Situation, gab es während dieser Zeit keinerlei Lieferengpässe“, berichtet Oliver Schmidt-Maibaum, Betriebsleiter der Caritas-Werkstatt in Nauort, nicht ohne Stolz. Dabei betont er, dass man in dieser Zeit den Wert der Arbeit, die die Beschäftigten leisten, noch mal zusätzlich hat schätzen gelernt. Unterstützt wurden die Werkstatt-Mitarbeitenden außerdem von Kollegen aus anderen Bereichen des Caritasverbandes, etwa aus der Katharina-Kasper-Schule, die aufgrund der Corona-Krise ebenfalls geschlossen war. Doch auch Werkstatt-Mitarbeitende waren außerhalb ihres normalen Arbeitsumfeldes im Einsatz und zum Beispiel zur Unterstützung mit tagesstrukturierenden Angeboten in den Wohnheimen eingesetzt. „Das WIR-Gefühl im gesamten Verband wurde in der Krise noch mal deutlich gestärkt“, lobt Schmidt-Maibaum den unermüdlichen Einsatz aller Beteiligten.

Rund sechs Wochen waren die Caritas-Werkstätten geschlossen, ehe die ersten Beschäftigten Anfang Mai wieder zur Arbeit kommen durften. „Im ersten Schritt war die Wiederaufnahme der Tätigkeit noch freiwillig und ausschließlich für Beschäftigte, die nicht zur Risikogruppe gehören“, erklärt Anne Wecker vom Sozialen Dienst der Caritas-Werkstatt in Nauort. Um überhaupt wieder öffnen zu können, waren ein hohes Maß an Organisation sowie ein Mehr-Stufen-Plan nötig. Das umfangreiche Wiederanlaufkonzept, das die Verantwortlichen der Caritas-Werkstätten erarbeitet und mit dem Gesundheitsamt abgestimmt haben, beinhaltet unter anderem spezielle Hygienemaßnahmen und Verhaltensregeln, die an die jeweiligen Betriebsstätten angepasst wurden. „Die größte logistische Herausforderung lag darin, wie wir an den einzelnen Standorten für die bestmögliche Sicherheit der Beschäftigten und Mitarbeitenden sorgen können“, erklärt Anne Wecker. So wurden in den jeweiligen Betrieben in den Fluren und Gängen spezielle Weg- und Richtungspfeile angebracht und zum Teil Einbahnstraßenregelungen geschaffen. Weiterhin wurden Arbeitsplätze durch Hygieneschutzscheiben getrennt und auch die Pausen- und Essenszeit so organisiert, dass alle einen Mindestabstand von 1,5 Meter einhalten können. „Für die Beschäftigten gibt es das Regelwerk auch in leichter Sprache“, erläutert Wecker und weist darauf hin, dass alle Beschäftigten bei ihrer Rückkehr in die Werkstatt erstmal intensiv in die aktuell geltenden Hygiene- und Verhaltensregeln eingeführt werden. Auch praktische Übungen, etwa zum Umgang mit dem Mund-Nasen-Schutz, werden mit den Beschäftigten absolviert. „Die Umsetzung der Regeln bedeutet eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Anfangs war schon eine gewisse Skepsis da, ob diese auch entsprechend umsetzbar sein würden. Mittlerweile klappt das aber mit Begleitung überraschend gut und viele haben bereits eine gewisse Routine“, sagt Anne Wecker und berichtet, dass es sogar schon mal vorkommt, dass ein Beschäftigter den Gruppenleiter darauf aufmerksam macht, er möge doch an seinen Mund-Nasen-Schutz denken.
Neben dem umfangreichen Konzept zur Wiederaufnahme des Werkstattbetriebes, wurden zusätzlich Regelungen für die Beförderung der Beschäftigten von ihren Wohnorten zur Arbeitsstelle erarbeitet. „Auch hier musste einiges beachtet werden, zum Beispiel der Abstand im Bus, Umsteigesituationen oder auch das Vorgehen beim Ein- und Aussteigen“, so Anne Wecker. Zur Ergänzung der Angebote in den einzelnen Betrieben, um die Kontaktkette möglichst klein zu halten und um möglichst vielen Beschäftigten wieder die Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen (Stufe zwei des Wiederanlaufkonzeptes, startete Mitte Mai), wurden in den Caritas-Wohnheimen sogenannte Außen-Arbeitsgruppen installiert.
Aktuell sind in Höhr-Grenzhausen elf und in St. Goarshausen sechs Beschäftigte tätig. „Die Gruppe im Haus am Quendelberg in Montabaur wurde schon wieder aufgelöst, da die Beschäftigten jetzt separat in den Räumlichkeiten des Zentralen Berufsbildungsbereiches in Montabaur eingesetzt sind“, sagt Anne Wecker und erklärt, dass seit 1. Juli die grundlegende Freiwilligkeit aufgehoben wurde. „Mittlerweile dürfen lediglich Beschäftigte der Risikogruppe freiwillig entscheiden, ob sie zur Arbeit kommen“, so die Sozial-Dienst-Mitarbeiterin. Auch die zu den Werkstätten gehörende Tagesförderstätte in Wirges hat ihre Arbeit nach einer längeren Schließung (es gab lediglich eine Notbetreuung) bereits wieder aufgenommen. Aktuell besuchen dort 16 von insgesamt 29 Menschen mit Behinderung die Einrichtung schon wieder. „Im Unterschied zu den Werkstätten dürfen Beschäftigte aus der Risikogruppe hier das Angebot noch nicht nutzen“, berichtet Wecker.
Wann genau wieder alle Beschäftigten an ihren ursprünglichen Arbeitsplätzen sein werden, weiß derzeit wohl noch niemand. Wie uns alle, wird Corona auch die Caritas-Werkstätten Westerwald-Rhein-Lahn noch eine ganze Zeit lang beschäftigen. Dank des Mehr-Stufen-Planes und der umfangreichen Konzepte, ist es den Verantwortlichen dennoch gelungen, eine gewisse Normalität zu schaffen. „Für die Beschäftigten ist dies wichtig. Sie brauchen eine feste Tagesstruktur“, erklärt Anne Wecker und unterstreicht: „Nach der langen Corona-Pause kommen alle gerne und motiviert wieder zurück zur Arbeit.“ Dies wird auch deutlich, wenn man mit Christoph Schneider spricht: „Die Zeit ohne Arbeit war langweilig, jetzt bin ich froh, endlich wieder arbeiten zu dürfen.“ Und wie findet er seinen „Homeoffice“-Arbeitsplatz? „Es ist natürlich praktisch, weil wir nicht fahren müssen“, sagt Schneider, fügt aber sofort hinzu: „Dennoch vermisse ich die Arbeit in Montabaur – und vor allem die Kollegen dort.“ (Quelle Caritasverband WW)

Kategorie: Service, Tipps und Lebenshilfe
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