Ein Hundertjähriger. Was mag der schon alles mitgemacht haben? Vor 13 Jahren habe ich einen getroffen. Nicht im Lehnstuhl, sondern auf einer Kirchenbank. Die für den Organisten. „Wie lange spielen Sie schon die Orgel in der Kirche?“ „Seit 1923.“ „Seit 1923, okay...“ Alois Holzhacker war für Überraschungen gut. Der Anlass unseres Kennenlernens war nicht sein Alter, sondern sein großer Mut. Wien, 7. Oktober 1938. 8.000 – 10.000 Jugendliche füllen den Stephansdom. Es ist Rosenkranzfest. Das klingt jetzt erst einmal nicht besonders politisch.

Aus der Andacht sollte sich aber die Sternstunde des Widerstands in Österreich gegen das Nazi-Regime entwickeln. Der damalige Wiener Erzbischof, Kardinal Innitzer, faszinierte die große Schar der jungen Leute mit folgen Worten:„ Einer ist euer Führer, euer Führer ist Christus, wenn ihr ihm die Treue haltet, werdet ihr niemals verloren gehen.“ Führer ist Christus, nicht Hitler! Das saß. Es war eine Kehrtwende um 180 Grad. Noch ein halbes Jahr zuvor hatte Innitzer noch „Heil Hitler“ gerufen. Am Ende der Andacht griff Holzhacker spontan in die Tasten, zog alle Register für ein damals bekanntes Freiheits- und Widerstandslied. Davon angespornt liefen die Jugendlichen hinaus und versammelten sich dicht gedrängt direkt vor dem Palais des Wiener Erzbischofs. Aus einem Gebet und einer Predigt war sowas wie eine Spontandemo gegen die Nazis geworden. Sie skandierten: „Wir wollen unseren Bischof sehen.“ Wohlgemerkt „unseren Bischof sehen“, nicht wie bei den Hitler-Reden „unseren Führer sehen“! Am nächsten Tag stürmte die Hitlerjugend aus Rache das Wohnhaus des Bischofs, schlug Fenster ein, zerstörte Gemälde und Möbel. Auch im Westerwald gab es 1938 eine Protestaktion gegen die Nazis. Wenn auch kleiner. Noch heute erinnert ein weithin unbekanntes Feldkreuz in Nentershausen daran. Darauf steht: „Christus ist unser Führer.“ Heimlich und über Nacht aufgestellt. Auch das war mutig. Nicht auszumalen, was die Nazis mit den Wäller Jugendlichen gemacht hätten, wären die dabei erwischt worden. In der Kirche mitmachen – das hält nicht nur jung, sondern kann teilweise ganz schön anders, gefährlich und mutig sein. Ich überlege mir: was würde heute passieren, würden immer mehr Jugendliche heute beten – und daraus würde Protestbewegung entstehen? Ich kenne ein Datum, 1989, da ist aus sowas eine friedliche Revolution geworden! Und diesen Gebetsprotest konnte Alois Holzhacker auch noch mitverfolgen. Vor dem Fernseher, im Lehnstuhl sitzend. Und dann am Sonntag in der Kirche Orgel spielen und beten. Wie jeden Sonntag, seit 1923.